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Berner Zeitung
Freitag, 9. November 2001, FREIBURG
Von Bomben, starken Frauen und der Liebe
«Hase Hase» heisst die neue Produktion der Deutschfreiburgischen
Theatergruppe: Ein Stück, bei dem der Zuschauer nicht weiss, ob er
lachen oder weinen soll. Morgen ist Premiere im «kellerpoche».
von MIRJAM KÜNZLER
Über den Köpfen der Zuschauenden hängen Socken und Unterwäsche.
Rechts: ein Klo und eine Badewanne. Vorne: eine Küchenstube. Regisseur
Pascal Gassmann stellt die Zuschauenden mitten in die Welt - sprich die
kleine 1 1/2-Zimmer-Wohnung der Familie Hase. So wird gleich klar, dass
hier jeder direkt betroffen ist. Die Familie Hase steht für eine
Heimat, in der vordergründig alles in Ordnung scheint.
Chefin ist eine Frau
Zusammengehalten wird die Grossfamilie von der dominanten Mutter Hase.
Allmählich entgleiten ihr jedoch die Zügel; das Unglück
bricht herein. Der Vater wird arbeitslos, die beiden Töchter laufen
ihren Männer davon, die älteren Söhne werden wegen krimineller
und terroristischer Machenschaften von der Polizei gesucht und der jüngste
fliegt vom Gymnasium. Dieser jüngste, mit Vorname Hase, ist in Wirklichkeit
jedoch ein Ausserirdischer, der in die Familie versetzt wurde, um die
Welt vor dem Untergang zu bewahren.
Bezug auf Aktuelles
Mit «Hase Hase» verfasste Coline Serreau ein überaus
sozialkritisches und feministisch geprägtes Stück: Starke Frauen
nehmen das Ruder in die Hand und setzen sich für das Wohl aller ein,
wenn die Männer bereits ans Aufgeben denken. Während der Sohn
für eine gewalttätige Organisation arbeitet und die Männer
eine «neue Ordnung» im Stil eines totalitären Regimes
errichten, appellieren die Frauen mit ihrem Verhalten an die Werte des
Friedens und der Liebe.
Die
Schauspieler im «kellerpoche» holen das Stück an aktuelle
schweizerische Themen heran: Von der Swissair ist da die Rede, vom
Umsturz der Finanzwelt «durch barbarische Länder» und von der Hoffnung.
auch ohne Bomben seine Ziele erreichen zu können. Trotz aller
Schlechtigkeit lohnt es sich, die Menschen zu retten, denn «immerhin
haben sie die Musik erfunden», wie das jüngste Kind der Familie, der
Ausserirdische Hase Hase betont.
Hohes Niveau
Die Deutschfreiburgisch Theatergruppe (dftg) hat das Stück mit dem
Regisseur Pascal Gassmann aus Biel nicht nur wegen der aktuellen Bezüge
ausgewählt, sondern auch, weil es sich für eine Gruppe von elf
Schauspielerinnen und Schauspieler gut umsetzen liess. Die bunt zusammengewürfelte
Equipe besteht über die Hälfte aus Studierenden. Dank grossem
Einfühlungsvermögen gelingt es den Laienschauspielern, ihren
Figuren eigenständiges Leben einzuhauchen. «Das Stück
stellt an alle grosse Herausforderungen» betont der Regisseur.
Da Realität und Fantasie miteinander vermischt werden, gibt es verschiedene
Ebenen und mehrere Zeitverschiebungen. Die musikalische Begleitung auf
dem Akkordeon von Sabine Gysi hilft, die Übergänge sanft zu
gestalten. Auch die zahlreichen Monologe sowie die vielen technischen
Ansprüche für einen reibungslosen Ablauf erforden einige Anstrengung.
Ich übe meinen Text fast jeden Tag am Morgen unter der Dusche»,
verrät Marius Bächler, alias Vater Hase, sein Geheimrezept.
Regisseur Gassmann blickt optimistisch. Wieso denkt er lohnt es sich,
diese Tragikomödie anzusehen? «Das Stück hat viel Humor,
viel Zynik und regt zum Nachdenken an», lautet seine prompte Antwort. |
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Vorschau FN
Freiburger Nachrichten
Mittwoch 7. November 2001, Agglomeration
Zu Besuch bei der Familie Hase
Deutschfreiburgische Theatergruppe feiert am Samstag Premiere
Hase Hase, der Ausserirdische, und seine Familie bevölkern ab
Samstag das kellerpoche-Theater in Freiburg. Die Deutschfreiburgische
Theatergruppe (DFTG) spielt «Hase Hase», ein sozialkritisches,
humorvolles Stück von Coline Serreau.
Von SILIVA ZEHNDER-JÖRG
Alles dreht sich um den einen Tisch, den Familientisch. Tisch decken,
Kartoffeln essen, abdecken, Tisch decken ... Die Bühne ist als
armselige Küchenstube ausgestattet, ein Hochzeitsfoto von Mama und
Papa Hase strahlt von der Wand und Socken und Unterhosen hängen an
einer Wäscheleine von der Decke herab.
Heute findet eine der letzten Proben vor dem «offiziellen» Auftritt am
Samstag statt. Elf Leute arbeiten seit letzten Frühling an dem Werk,
davon sind sechs Köpfe - hauptsächlich von Studenten - neu. Bis zuletzt
haben zwei Schauspieler gefehlt (zwei sind ausgestiegen), also hat der
Regisseur Pascal Gassmann das Ende des Stückes kurzum umgeschrieben.
Tragikomödie, die Anstoss zum Denken gibt
Die Stimmung unter den Schauspielern ist kollegial; Beatrice Lauper (die
Mutter) sieht ihren Text durch, Techniker diskutieren über Lichtfragen.
Es geht los: Akkordeonklänge leiten das Stück ein. Gassmann
weist auf die Wichtigkeit der Live-Musik hin, welche die Übergänge
zwischen den einzelnen Bildern umspielt. Vater Hase kommt heim. Alle sprechen
durcheinander, bis der Bundespräsident in der Tagesschau auftritt
und verkündet: «Käse verkauft sich gut in dieser Gegend,
Waffen auch ...». Mutter Hase, ruhender Pol und Versorgerin
der Familie, mag zum Abendessen lieber fröhliche Nachrichten. Nichts
läuft jedoch wie geplant, die fünf Kinder sind in schreckliche
Geschichten verwickelt und flüchten hilfesuchend ins warme Nest,
zur Mama. Zwei Söhne gehen dubiosen Waffengeschäften nach, Papa
ist arbeitslos, und selbst das Nesthäkchen «Hase» flog
von der Schule. Dieser liest heimlich auf der Toilette Science-Fiction-Romane
- als Ausserirdischer wurde er in die Familie «eingepflanzt»,
um die Welt zu retten.
«Ich habe genug von dieser bekloppten Familie», ruft die
Mutter aus. Es wird aber noch besser. Die Tochter verlässt ihren
Mann, als er sagte, «Reich mir das Salz». Auch die Nachbarin
Frau Duperri bläst Trübsal und quartiert sich bei Hases ein.
So sitzen zuletzt zehn anstatt vier Personen um den Familientisch herum.
Bis zum Happy End mit Hilfe von oben - im wahrsten Sinne des Wortes -
geht es noch einmal richtig ab.
Damit die Distanz zwischen den Zuschauern und den Schauspielern nicht
zu gross sei, habe er gewisse Passagen der Schweizer Realität angepasst,
bemerkt Gassmann zur Regiearbeit.
Hinzu kommt der höchst aktuelle Bezug zum Terrorismus. «Warum
sind sie Terroristen?», fragt Hase seinen Vater. - «Weil sie
wütend sind.»
Ensemble mit beachtlichem Niveau
Gassmann ist hauptsächlich in Bern als Produktionsleiter, Regisseur
oder Schauspieler tätig. Er fasst seine persönliche Erfahrung
mit der DFTG zusammen: «Sowohl für mich als auch für
die Schauspieler ist es eine grosse Herausforderung. Das Stück ist
extrem schwierig, es mischt Realität und Fantasie, wobei viele Übergänge
und Zeitverschiebungen vorkommen. Die Stimmung im Team ist toll, auch
ausserhalb der Theaterarbeit.» Die DFTG sei ein semi-professionelles
Ensemble mit beachtlichem Niveau, und auch längere Monologe würden
von den Akteuren gemeistert. Die wohl grösste Herausforderung sei
für ihn gewesen, das Stück in einem so kleinen Raum umzusetzen.
«Ich rezitiere meinen Text morgens unter der Dusche»
Marius Bächler, der seit 1973 in der DFTG mitspielt und Mitglied
des Leiterteams ist, weist auf die mangelhafte Übersetzung des französischen
Stücks hin und meint zu seiner Arbeitsweise: «Manchmal ist
es schwierig, sich nach der Hektik des Alltags in das Stück einzustimmen.
Ich rezitiere meinen Text schon morgens unter der Dusche und zwischendurch,
wenn ich Zeit habe.»
Das Stück ist durchgespielt. Über die paar Ausrutscher kann
die Familie Hase nur lachen. «Wir haben fast nichts im Magen, wir
sind arm! Wir sind aber menschlich und auch fröhlich.» |
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Premiere (FN) |
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Premiere
Feiburger
Nachrichten
Montag 12. November 2001, Agglomeration
Hase ist nur der Nachname
Premiere der deutschfreiburgischen Theatergruppe
Die Hases sind eine Familie wie aus dem Bilderbuch. Mutter, Vater
und der Jüngste führen ein braves gutbürgerliches Leben
- bis sie von den versorgt geglaubten Kindern und der Wahrheit hinter
der bröckelnden Familienfassade eingeholt werden.
Von LUZIA MATTMANN
Seit letzten Frühling arbeiteten elf Leute an dem Theaterstück
«Hase Hase» der französischen Autorin Coline Serreau.
Unter der Leitung von Regisseur Pascal Gassmann hat die Theatergruppe,
die mehr als zur Hälfte aus Studenten besteht, die gesellschaftskritische
Komödie mit Sciencefiction-Touch gemeistert.
Wie in eine andere Welt tauchte man in den Bau der Familie Hase im Kellerpoche
ab - um dann festzustellen, dass diese Welt so anders doch nicht ist.
Zwischen den schwarzbraunen mächtigen Holzbalken, der gespannten
Wäscheleine und der schweren Holztüre lebt eine Familie, bei
der alles in bester Ordung scheint: Der jüngste Sohn besucht das
Gymnasium, der zweite hat einen Diplomatenpass, der älteste studiert
Medizin und die beiden Töchter sind unter der Haube. Mit der unmittelbar
bevorstehenden Gehaltserhöhung des Vaters sollte das Glück der
Familie perfekt sein.
Hases packen aus
Mutter Hase und ihre Lieben könnten also rosigen Zeiten entgegensehen.
Das drohende Unheil kündigt sich jedoch schon bald an in der Person
von Sohn Jeannot. Dieser waltet nun doch nicht bei der EU, sondern geht
weit dubioseren Machenschaften nach. Nachdem sich auch Tochter Marie wieder
im trauten Heim eingenistet hat und ihre Schwester Lucie nach dem Neinwort
in der Kirche Zuflucht in den elterlichen vier Wänden sucht, ist
die Familie Hase komplett.
Bleibt der Trost, dass der Vater Arbeit hat, Bébert eine gute
Ausbildung und klein Hase eine Sitzbank im Gymnasium, sagt sich da die
optimistische Mutter Hase nur. Bis sich auch diese Illusionen zerstreuen
und die Wahrheit über den Alltag aller Hasens ans Licht kommt.
Turbulenzen in Küche
Ehekrach, Polizeieinsatz, Entführungsplan und Mittagessen in einem
Raum - und das so hautnah, dass man auf den Publikumsrängen sogar
noch die Salami riecht, das ist von nun an Alltag in der Familie.
Ein Unglück hat sich ereignet: Klein Hase ist von einer Bombe getötet
worden, Bébert sitzt als Gefangener im Rathaus ein, es herrscht
Kriegszustand in der Stadt. Die Familie, zwar nicht mehr gutbürgerlich,
aber noch immer vereint, will ihre Mitglieder nicht einfach im Stich lassen.
Auch wir sind Hasen
Die Komödie «Hase Hase» wurde 1986 geschrieben. Nicht
in der Schweiz, sondern in Paris, nicht von einer Schweizerin sondern
von einer Französin, Coline Serreau. «Hintergrund war die Okkupationszeit
in Paris» weist Regisseur Pascal Gassmann hin - also auch nichts
Schweizerisches. Dennoch sieht er Parallelen zum heutigen Geschehen. Terror,
wenn auch nicht gleich Umsturz, ist in diesen Tagen aktuell. Auch ist
dieser Tage eine heile Familie bequemer als die Auseinandersetzung mit
unbequemen Realitäten. Regisseur Pascal Gassman ist nach der gelungenen
Premiere stolz auf die Theatergruppe. «Die Reaktionen des Publikums
sind nie vorhersehbar», meint er nachdem der anhaltende Applaus
abgeklungen ist. |
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