Vorschau BZ
Berner Zeitung
Freitag, 9. November 2002, FREIBURG
Seelenheiler werden karikiert
Die Deutschfreiburgische Theatergruppe (dftg) therapiert im Stück
«Trommeln über Mittag» seelische Verletzungen. Dabei
werden esoterische Praktiken karikiert. Heute Abend ist Premiere.
von Annette HÄCKI
«Jede Wunde, und ist sie noch so klein, hat eine Geschichte zu
erzählen», belehrt der Therapeut Wilfried (Simon Affolter)
seinen Patienten Huppli (Martin Klopfenstein). Und er weist ihn an, mit
Pflastern vergangene, längst vergessene Blessuren hervorzuheben.
Die diesjährige Produktion der Deutschfreiburgischen Theaterguppe ist
eine amüsante Satire über weit verbreitete Seelenheiler, die auch vor
«schamanischen Reisen» und «heilendem Stricken» nicht zurückschrecken.
Jede Person, welche die Praxis von Wilfried und Yvonne (Daniela Koenen)
betritt, wird mit therapeutischen Ratschlägen überladen und durch mehr
oder weniger heilvolle Rituale geschleust. Die angestrebte Harmonie
bleibt dabei trotz den gut gemeinten Selbstfindungsprozessen häufig auf
der Strecke. Auch die Beziehung des Therapeutenpaares wird kräftig
aufgerüttelt.
«Unverfälscht» inszeniert
Das Stück «Trommeln über Mittag» stammt aus der
Feder von Katja Früh und Patrick Frey. Beide sind in der Schweiz
durch Sendungen wie «C'est la vie» (Frey) oder als Headwriterin
für «Lüthi und Blanc» (Früh) bestens bekannt.
Die originale Inszenierung hat sich Daniel Nobs, Regisseur der Produktion,
nicht angeschaut, obwohl sie kürzlich wieder im Fernsehen gezeigt
wurde. Der 38-jährige Bieler, der über eine breite Ausbildung
im Theater- und Filmbereich verfügt, wollte die eigenen Gedanken
und Inspirationen nicht verfälschen. «Ich bin sehr zufrieden
mit dem Resultat», meint er nun vor der Premiere.
Auch heute sei das Stück noch aktuell, erklärt Nobs, obwohl
der grösste Seelenheilboom vorbei sei. «Ich will mich über
diese Angebote aber nicht nur lustig machen», ergänzt er mildernd.
Starke Bühnenpräsenz
Während der Vorstellung im Kellerpoche wird das Publikum mit unterschiedlichsten
Heilungsmethoden bekannt gemacht. Die Schauspielerinnen und Schauspieler
(in der Rolle der Patienten: Annika Fauck, Martin Klopfenstein, Michael
Glatthard, Marco Steiner, Annette Meier, Silke Weigelt, Marius Bächler)
glänzen durch gelungene Rolleninterpretationen. Vor allem die beiden
Hauptdarsteller (Koenen, Affolter) markieren durchgehend starke Bühnenpräsenz.
Der Raum des Kellertheaters wird durch unterschiedliche Teppiche einfach,
aber wirkungsvoll unterteilt.
Auf das Publikum wartet eine überzeugende, anregende Aufführung.
«Die Räume sind geöffnet!», begrüsst Yvonne
im Stück die Teilnehmer einer Gruppentherapie. Ab sofort sind sie
es auch für die Zuschauenden. |